Bericht zu Episode 8

Als ich aufwache begrüßen mich zunächst Schmerz und Übelkeit. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich den Kater meines Lebens. Meine Hand schmerzt und mir ist schlecht. Ich spüre mein Herz in der Brust rasen, als wäre ich gerade um mein Leben gerannt. Vielleicht bin ich das auch. Wo bin ich?
Ich sitze auf einem Stuhl, den Kopf auf einer harten Oberfläche. Ein Tisch.
Vorsichtig öffne ich die Augen. Das Licht schmerzt, doch ich gewöhne mich schnell daran. Als ich deutlicher sehen kann, erkennen ich ein Aquarium. Bunte Fische ziehen gelangweilt ihre Kreise. Asiatische Bilder hängen an den Wänden, Tische stehen um mich herum. Ich befinde mich in einem Restaurant. Ein Großteil der Stühle wurde bereits hochgestellt. Hinter einer Sushitheke steht ein Koch, der seine Messer schärft. Abgesehen von ihm und mir ist das Lokal leer. Ich suche in meinen Taschen nach meinem Handy. Dabei schießt mir erneut Schmerz durch meine Seite. Ich bewege mich vorsichtiger und entdecke das meine Seite verbunden ist. Blut sickert durch den Verband. Was zur Hölle ist nur passiert?
Auch meine Hand ist bandagiert. Ich kann meine Finger kaum bewegen.
Ich fahre fort meine Taschen zu durchsuchen. Meine beiden Burner sind weg, doch in meiner Jackentasche finde ich mein Smartphone. Zwei Tage sind vergangen. Zwei Tage an die ich mich nicht erinnern kann. In denen wer weiß was passiert sein kann und scheinbar auch ist.
Ich untersuche mein Handy genauer. Einige Einträge wurden gelöscht, Sämtliche Anruferlisten und Mails der letzten zwei Tage. Außerdem hat jemand Newsalerts eingerichtet.
Vor mir auf dem Tisch liegt ein roter Briefumschlag, auf dem mit krakeliger Schrift mein Name steht. Im Inneren befindet sich eine marmorierte Karte auf der „Komm mir nicht in die Quere! Vermassel es nicht!“ geschrieben steht.
Erst jetzt fällt mir eine Digitaluhr an meinem Handgelenk auf. Sie zählt einen Countdown herunter, der morgen um halb vier enden wird.
Ich kriege eine Gänsehaut. Wie soll ich mich von etwas fern halten, wenn ich nicht weiß was los ist?
Ich stehe auf. Meine Beine sind etwas wackelig, als würden sie sich gerade von großer Anstrengung erholen. Doch ansonsten scheint alles in Ordnung.
Der Mann hinter der Theke spricht zu meiner Erleichterung Deutsch. Er fragt mich etwas genervt, ob ich nun endlich etwas bestelle. Ich frage vorsichtig wie lange ich schon hier sei. Er sagt ich bin vor 20 Minuten wie von der Tarantel gestochen hereingerannt, hätte mich an den Tisch gesetzt und seitdem nichts mehr. Auf meine Frage ob mir jemand gefolgt sei, oder ob jemand etwas von mir wollte wirft er nur einen vielsagenden Blick in das leere Lokal.
Ich komme mir doof vor. Aber wovor oder vor wem auch immer ich in dieses Restaurant geflüchtet bin. Es hat mich nicht hierher verfolgt. Ich kaufe mir eine Cola, in der Hoffnung dass sich mein Magen dadurch beruhigt. Mein Geldbeutel ist glücklicherweise noch da.
Ich gehe raus und erkenne erleichtert eine Straße in der Münchner Innenstadt. In den zwei Tagen ist offensichtlich viel passiert, aber zumindest habe ich nicht die Stadt verlassen.
Vor meinem Haus warten Theo und Paul bereits auf mich, weil sie sich gewundert haben wo ich stecke. Es ist gleichzeitig beruhigend und beunruhigend dass mein Fehlen nach zwei Tagen bereits auffällt.
Meine Onkel sehen mir an, dass etwas nicht in Ordnung ist, doch ich vertröste sie mit einer Erklärung auf später. An meiner Wohnungstür hängt ein roter Briefumschlag: „Nicht den Schrank öffnen!“.
Meine Wohnung ist noch immer so, wie sie seit der letzten Umräumaktion im Blackout aussieht. Zumindest kann ich nichts ungewöhnliches erkennen. Das Sicherheitssystem war aktiv. Ein gutes Zeichen.
Ich versuche den beiden zu erklären was los ist. Zumindest das, was ich bisher weiß, was leider reichlich wenig ist.
Paul unterstellt mir Drogenmissbrauch und glaubt natürlich kein Wort. Trust your family to mistrust you!
Theo scheint sich vor allem Sorgen zu machen.
Wir erschrecken alle drei, als es plötzlich in meinem Schrank zu poltern beginnt. Paul will wissen was im Schrank ist. Ich kann nur sagen dass ich es nicht weiß und mir auch nicht sicher bin ob ich es wissen will. Jedenfalls entferne ich mich möglichst weit von dem Schrank als Paul hingeht um die Ursache des Polterns herauszufinden.
Im Schrank befindet sich ein Mann. Er ist gefesselt und mit Klarsichtfolie umwickelt. Duct-Tape hält einen zusätzlichen Knebel an Ort und Stelle. Auf die Stirn wurde ihm „Der Schlüssel“ tätowiert und auch auf seiner Brust wurden Wörter in die Haut gestochen. „Mörder“, „Kinderschänder“, „Waffenschieber“. Paul nimmt dem Mann den Knebel ab. Ich bleibe weiterhin außer Sichtweite.
„Ist die Psychobitch weg?“ fragt der Mann aufgebracht. Er spricht mit Akzent, irgendetwas aus dem mittleren Osten. Paul fragt wen er meint. Der Mann erzählt irgendeine Psychobitch habe ihn entführt und hierher gebracht. Ich bin nicht überrascht als er mich beschreibt. Wer sonst kennt den Zugangscode zu meiner Wohnung?
Da wir den Mann nicht losbinden können, Mal abgesehen davon, dass ich vermute, dass er mich umbringen würde sobald er mich sieht, hat es bestimmt einen Grund warum ich ihn dort eingesperrt habe. Theo knebelt den Mann wieder und schließt die Schranktür. Zwar sind meine Nachbarn nicht besonders hellhörig, doch ich mache trotzdem vorsichtshalber Musik an und drehe die Lautstärke auf.
Ich durchsuche mittlerweile meine Wohnung nach Hinweisen, wer der Mann ist, und vor allem warum er in meinem Schrank ist.
Die Überwachungsvideos der letzten beiden Tage wurden gelöscht. Meine speziellen Vorräte sind unangetastet. Soviel zu Pauls Theorie. Mein Tätowiergerät fehlt, zusammen mit einer der schwarzen Kartuschen. Als ich es mir gekauft habe, dachte ich zwar ich würde es mal brauchen können, allerdings hab ich dabei nicht an Gefangenenbeschriftung gedacht.
Im Tresor finde ich schließlich einen weiteren roten Umschlag und 5 Pässe, die scheinbar alle dem Mann im Schrank gehören, jedoch alle andere Namen und Nationalitäten ausweisen. Auf der Karte im Umschlag steht „Verlier den Schlüssel nicht!“
Ich versuche im Netz etwas über den Mann herauszufinden, doch als ich die Namen von den Ausweisen eingebe wird der Bildschirm schwarz und „Don’t!“ erscheint. Jemand muss mein System gehackt haben. Ich versuche es erneut und versuche dabei das eingebaute Sicherheitssystem zu umgehen. Wieder Schwarzbild „Don’t! Please!“
Ich kenne nur eine Person, die in der Lage wäre mein System zu umgehen und dabei keine der eingebauten Fallen auszulösen. Ich selbst! Aber warum sollte ich mich aus meinem eigenen System aussperren?
Ich beschließe mir darüber erstmal keine Gedanken zu machen. Schließlich habe ich dringendere Fragen und im wahrsten Sinne des Wortes eine tickende Uhr.
Meine Kreditkarte wurde benutzt um einen Mietwagen zu mieten. Auf meinem Schreibtisch liegen drei Rechnungen einer Autowerkstatt. Scheinbar habe ich zwei Autos reparieren lassen. Einen Peugot (vermutlich der Mietwagen) und einen Mercedes. Ich weiß zwar nicht wessen Mercedes es war, aber ich habe eine Ahnung wie ich ihn öffnen konnte. Manchmal bin ich selbst entsetzt war ich in alles gelernt habe.
Zwar ist diese Autowerkstatt unser bester Hinweis momentan, aber ich habe irgendwie das Gefühl dass es nicht unbedingt gut ist, wenn ich irgendwo wiedererkannt werde. Meine Verbände sind die besten Argumente für diese Theorie. Ich lasse Theo die Wunde in meiner Seite untersuchen. Ich möchte wissen was für eine Verletzung es ist und ob ich behandelt werden muss.
Es ist eine Stichwunde, die provisorisch, aber professionell genäht wurde. Ich weiß nur eine Person, die soetwas außerhalb eines Krankenhauses könnte. Jemand der keine Fragen stellt und dessen medizinisches Wissen man zusammen mit seiner Verschwiegenheit bezahlt.
Ich habe ihn Dr. House genannt. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht, aber ich weiß wie man ihn kontaktieren kann. Ich schicke ihm eine Nachricht und seine Antwort kommt in Form einer Adresse und einer Uhrzeit.
Der Mann im Schrank bekommt von Theo eine Spritze mit Beruhigungsmitte verpasst. Es ist doch immer wieder von Vorteil wenn man Tierärzte kennt. So muss ich mir erstmal keine Sorgen machen, dass der Mann sich befreien kann. Dann fahren wir zu der Adresse die Dr. House mir geschickt hat.

House ist eine merkwürdige Erscheinung. Unter normalen Umständen würde man alles tun um nicht von ihm behandelt zu werden. Er hat ein Tablettenproblem und ist die meiste Zeit geistig nicht anwesend. Doch es gibt Situationen, da hat man keine Wahl und er leistet unerwarteter Weise gute Arbeit.
Allerdings kostet er, egal ob man von ihm zusammengeflickt wird oder nur Fragen stellen möchte. Ich wundere mich nicht über die Menge an Geld in meinem Geldbeutel , sondern gebe ihm die verlangten Scheine. Er erinnert sich daran, dass ich vor zwei Tagen da war. Mit einer Stichwunde und einer gestauchten Hand. Er sagt ich hätte nicht viel geredet, hätte nicht ohne der Wimper gezuckt zusammenflicken lassen und sei wieder gefahren. Immerhin erinnert er sich daran, dass ich einen roten Mercedes gefahren bin.
Da uns die Hinweise ausgehen, fahren wir doch zu der Autowerkstatt. Doch die Halle ist verlassen, die Schilder wurden entfernt und die Zelte offensichtlich abgebrochen. Theo geht zur Halle um sich dort umzusehen. Ich bleibe vorsichtshalber beim Auto. Ich befürchte, dass ich etwas mit dem auflösen dieser Werkstatt zu tun habe. Theo ist gerade im Inneren der Halle verschwunden, als jemand das Feuer auf uns eröffnet. Ich gehe hinter Theos Auto in Deckung. Paul schmeißt sich neben mir in den Matsch. Auf einem Dach neben der Werkstatt sehe ich einen Mann mit einem Maschinengewehr. Er trägt orange Kleidung und etwas, das wie ein Stahlhelm aussieht. Er schreit „Ich werde euch alle töte!“. Wieder Schüsse. Aus leidiger Erfahrung weiß ich, dass auch wenn die Leute in den Filmen immer hinter ihren Autos Schutz suchen, dies im wirklichen Leben nicht sinnvoll ist. Das musste auch der weiße VW auf dem Schrottplatz in Mannheim feststellen. Ich sprinte auf eine Lücke zwischen Halle und Zaun zu, wo ich außerhalb der Sicht- und Schusslinie des orangen Mannes bin. Ich springe und rolle mich ab, so wie Zacharias es mir vor Jahren beigebracht hat und bin in Deckung.
Vor mir liegt ein Päckchen mit einer blauen Schleife. Am Deckel hängt ein roter Umschlag. „Die auf Polizisten schießen!“ Ich ahne was in dem Paket ist und werde nicht enttäuscht. Eine Glock. Dasselbe Modell das Theo hat. Dieser kommt gerade um die andere Hausecke gebogen. Ich gebe ihm die Waffe, damit er Paul Feuerschutz geben kann. Theo weiß was er zu tun hat. Er lehnt aus der Deckung heraus und zielt weit an dem orangenen Mann vorbei. Was dann passiert macht mich einen Moment sprachlos. Die Kugel prallt an einer Dachrinne ab, prallt an einem Schornstein ab und trifft den Schützen, durch seinen Helm. Der Mann fällt um. Theo sieht aus, wie ich mich fühle. Bei meinem Glück momentan und bei der Art und Weise wie diese Kugel trotzdem getroffen hat, war der Mann wahrscheinlich ein Polizist. Über eine Leiter an der Rückwand kommen wir zu dem Mann hoch. Was ich für einen Helm gehalten habe war ein Nudelsieb. Wir durchsuchen seine Taschen in der Hoffnung einen Ausweis oder ähnliches zu finden. Doch in seinen Taschen hat er Nudeln. Spaghetti, Penne und eine ganze Menge Buchstabennudeln. Er hat eine Tätowierung in Form einer Nudelartigen Qualle auf der Brust. Ich erinnere mich mal ein solches Bild in Verbindung mit dem Spaghettimonsters gesehen zu haben. Und jetzt wo ich darüber nachdenke… Einer der Newsticker auf meinem Handy ist auf Neuigkeiten dieser Sekte eingestellt.
Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Bewegung. Jemand beobachtet uns. Ich drehe mich um und sehe einen Typen mit Dreadlocks hinter einigen Kisten wegtauchen, und er läuft weg. Ich hinterher. Hinter mir höre ich wie Theo und Paul zum Auto laufen.

Ich renne die Straße hinunter, der Typ mit den Dreads keine Fünf Meter vor mir. Er ist schnell und meine Verletzung beginnt zu schmerzen. Ich ziehe eines meiner Ersatz-Burner aus der Tasche die ich aus meiner Wohnung mitgenommen habe und werfe es nach ihm. Ich treffe ihn damit am Kopf und er stürzt. Bis Theo und Paul kommen setze ich mich auf ihn und halte ihn so fest. Theo legt ihm Handschellen an und wir schaffen ihn ins Auto weil wir nicht zuviel Aufmerksamkeit erregen wollen.
Ich bin mir nicht sicher ob es das Handy am Kopf, der Sturz oder Dope der Grund ist, aber der Typ hat definitv einen an der Waffel. Er brabbelt wirres Zeug. Ihm sei langweilig und er wolle eine Zeitschrift haben. Auch seine Taschen sind voller Nudeln und er hat ein Tribaltattoo in Nudelmuster. Er sagt ich sei die drittattraktivste Frau die er an diesem Tag gesehen hat. Na vielen Dank auch.
Wir fahren zu einem etwas außerhalb gelegenen Parkplatz wo um diese Zeit nicht mehr viel los ist. Er erzählt uns, dass die Organisation „Knarren gegen Hexerei“, unter dem Deckmantel der „Motorfreunde München“ die Werkstatt betrieben hat. Dann sei vor ein oder zwei Tagen nachts ein Typ mit Dreadlocks gekommen und haben Molotov-cocktails geschmissen. Daraufhin hätten die Motorfreunde ihre Zelte abgebrochen. Er und sein oranger Kumpel seien da geblieben um zu beobachten ob jemand wieder kommt.
Dann dreht er sich plötzlich zu mir um und behauptet ich würde im Aquarium arbeiten. Er habe mich da gesehen wie ich mit den Schildkröten geschwommen bin. Ich habe irgendwas am Boden des Beckens gemacht, dann habe ich eine Schildkröte geküsst und bin wieder aufgetaucht. Was danach passiert ist weiß er nicht weil er ohnmächtig geworden ist, als er zeitgleich mit mir die Luft angehalten hat.
Wir lassen ihn auf dem Parkplatz zurück, nachdem ich ihn dreimal im Kreis gedreht habe. Was soll ich sagen. So verwirrt wie er war hat das vermutlich gereicht um zu verhindern dass er uns folgt.
(Ende Teil 1)

to be continued

Bericht zu Episode 8

All in the Family Chikadee